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Die Schnecke

Immer hatte die Schnecke einfach so in ihrem Schneckenhaus gelebt. Bedächtig war sie mit ihm ihrer Wege gegangen, durch die grünen Dschungel der Wiesen, quer durch die Wüsten der gelben Feldwege, durch die Meere der Regenpfützen und die Gebirge der Baumstümpfe empor. Ihr Haus war ihr Schutz gewesen gegen Feinde, gegen Kälte und bei Sonne.

Sie hatte das Licht zwischen den Grashalmen gesehen, den Geruch fremder Pflanzen geatmet, sie war immer wieder neuen Tieren begegnet, und sie hatte Schnecken getroffen, mit denen sie ein Stück des Weges ging.

Es war ein gutes Leben gewesen, aber wie es so geht: Kaum erfährt man, dass es noch anderes gibt, so will man auch das. Jedenfalls erging es der Schnecke so.

Sie hatte so einiges munkeln hören von Wohlstand und Luxus, von Bequemlichkeit und dass Besitz erst die Persönlichkeit ausmache. Da war die Schnecke unzufrieden geworden. Beim Schnick! dachte sie. Beim Schnack und beim Schnuck. Das alles gibt es, und welch elendes Leben führe ich! Da ziehe ich mit diesem dämlichen Haus durch die Landschaft und freue mich", wenn es regnet. Als ob es sonst nichts gäbe.

Und mit rasender Schneckengeschwindigkeit - nämlich nach etwa sieben Wochen - fasste sie einen Entschluss: Sie ließ ihr Haus ausstatten. Und zwar auf die feinste Art. Zuerst wurde ein gekacheltes Bad eingebaut, in Resedagrün. Das Wohnzimmer kriegte eine Moosvertäfelung, Plüschteppiche in Abendsonnenrot, ein Sofa, einen Schaukelstuhl und einen Farbfernseher mit Zeitlupenprogramm. In der Küche fanden sich die feinsten Delikatessen, und im Schlafzimmer war ein feuchtes Ruhebett mit Sprühberieselung und Musik. Es gab Deckenbeleuchtung, Aschenbecher und sogar Bücher. Allerdings mit leeren Seiten, weil Schnecken nicht lesen können. Ja, und sonst noch allerhand. Zum Beispiel eine Garage, was natürlich völlig blödsinnig war. Aber man hat das halt so. Jedenfalls war die Schnecke sehr zufrieden. Anfangs. Damals machte es ihr nichts aus, dass die Sache einen Haken hatte: Sie konnte nämlich ihr Haus nicht mehr transportieren. Es war zu schwer geworden. Aber wozu sollte sie auch? Sie hatte ja alles, was sie brauchte. Meinte sie.

Eine Weile badete sie und ließ sich sprühberieseln. Die Delikatessen konnte sie leider nicht verzehren, weil kein Dosenöffner da war. Aber sie hörte Musik und machte die Deckenbeleuchtung an und aus. Die Lust am Fernsehen verging ihr ziemlich schnell, weil die Tagesschau immer nur traurige Ereignisse brachte. Und die Klospülung war auch bald kaputt.

Das wäre aber alles nicht so schlimm gewesen, wenn nicht die Schnecke plötzlich so eine Sehnsucht gekriegt hätte. Nach den Abendsonnenstrahlen im Wiesendschungel, nach den glitzernden Sandstäubchen der Feldwegwüsten, nach dem Spiegelbild der Sterne in den Regenpflützenmeeren und nach der Kühle auf den Höhen der Baumstumpfgebirge.

Wo war der Duft der fremden Blumen? Die Stimmen unbekannter Tiere? Wo das Behagen, das sie bei der Begegnung mit Freunden gefühlt hatte? Sie war gefangen in einem Haus, das vollgestopft war mit überflüssigen Dingen. Anstatt etwas zu gewinnen, hatte sie alles verloren.

Eine Weile saß die Schnecke im Schaukelstuhl und ließ die Fühler hängen. Dann riss sie sich zusammen und unternahm etwas.

Superluxuskomfort mit allen Schikanen, voll möbliert, gegen einfaches, kleines Leerhaus zu tauschen, schrieb sie auf einen Zettel. Besichtigung jederzeit.

Den Zettel pappte sie außen an. Jetzt wartet sie. Und sie wartet sicher nicht vergebens. Irgend eine dumme Schnecke wird sich schon finden.

(Verfasser nicht bekannt)

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